Wie die Westschweiz Kinderbetreuung finanziert – und wo neue Herausforderungen entstehen
In der Westschweiz beteiligen sich Arbeitgeber in mehreren Kantonen bereits direkt an der Finanzierung der Kinderbetreuung. Doch während neue Betreuungsplätze entstehen, geraten einzelne Finanzierungsmodelle unter Druck. Gleichzeitig wird es für Betreuungseinrichtungen zunehmend wichtig, genügend qualifizierte Fachkräfte zu gewinnen.
Auch in Deutschland und Österreich gibt es neue Entwicklungen: Während Deutschland über die langfristige Finanzierung von Kita-Qualitätsstandards diskutiert, überarbeitet Österreich die pädagogischen Grundlagen der frühkindlichen Bildung. Der aktuelle Monitor beleuchtet sieben Entwicklungen aus dem DACH-Raum.
Das Wichtigste auf einen Blick
Schweiz: Waadt plant Kürzungen bei der Betreuungsfinanzierung. Freiburg und Neuenburg zeigen, wie Arbeitgeber bereits heute zur Finanzierung beitragen.
Deutschland: Bund und Länder sind sich bei der dauerhaften Finanzierung neuer Kita-Qualitätsstandards weiterhin uneinig.
Österreich: Ein überarbeiteter Bildungsrahmenplan soll die pädagogische Arbeit in Kindergärten weiterentwickeln.
Schweiz – Schwerpunkt Westschweiz
1. Waadt: Finanzierung der Kinderbetreuung gerät unter Druck
Im Kanton Waadt steht die Finanzierung des familienergänzenden Betreuungsangebots vor Veränderungen. Die Fondation pour l’accueil de jour des enfants (FAJE) hat angekündigt, bisherige Anschubfinanzierungen und Investitionshilfen per Ende 2026 einzustellen. Ab Januar 2028 soll zudem die Basisfinanzierung um zwei Prozentpunkte sinken.
Hintergrund ist eine strukturelle Herausforderung: Die Kosten für die Kinderbetreuung steigen schneller als die verfügbaren Finanzierungsquellen. Die angekündigten Anpassungen wurden im September im Waadtländer Grossen Rat politisch thematisiert.
Warum ist das relevant? Der Fall Waadt zeigt, dass der Ausbau von Betreuungsplätzen langfristig tragfähige Finanzierungsmodelle benötigt. Für Träger könnten geringere Förderbeiträge die Investitionsplanung und den laufenden Betrieb erschweren. Konkrete Auswirkungen auf Elternbeiträge oder Angebote sind noch offen.
Quelle: Kanton Waadt, parlamentarische Interpellation
2. Freiburg und Neuenburg: Arbeitgeber finanzieren Kinderbetreuung bereits mit
In mehreren Westschweizer Kantonen ist die Beteiligung von Arbeitgebern an der Kinderbetreuungsfinanzierung gesetzlich verankert.
Im Kanton Freiburg leisten Arbeitgeber und Selbständigerwerbende einen Beitrag von 0,4 Promille der für Familienzulagen beitragspflichtigen Lohnsumme. Zusätzlich übernimmt der Kanton pauschal 10 % der effektiven Durchschnittskosten subventionierter Betreuung. Eltern und Gemeinden beteiligen sich ebenfalls.
Auch Neuenburg verfügt über einen kantonalen Betreuungsfonds, der durch Arbeitgeberbeiträge und staatliche Mittel finanziert wird. Ein Gremium mit Vertretungen von Arbeitgebern, Gemeinden und Kanton begleitet dessen Verwaltung.
Warum ist das relevant? Kinderbetreuung wird in Teilen der Schweiz bereits als gemeinsame Finanzierungsaufgabe von Familien, öffentlicher Hand und Wirtschaft verstanden. Beitragsmodelle und Anspruchsregeln unterscheiden sich jedoch erheblich.
Quelle: Kanton Freiburg
Quelle: Kanton Neuenburg
3. Jura: Volksinitiative fordert verpflichtende Unternehmensbeiträge
Die im Februar 2026 eingereichte Volksinitiative «Impliquer les entreprises dans les structures d’accueil de l’enfance» fordert, dass Unternehmen proportional zu ihrer Lohnsumme zur Finanzierung beitragen.
Ziel ist, Familien im Kanton einen Betreuungsplatz für Kinder bis zum Ende der Schulstufe 8H zu gewährleisten. Die jurassische Regierung hat dem Parlament vorgeschlagen, die Initiative als materiell gültig anzuerkennen. Über die Umsetzung ist nicht entschieden.
Warum ist das relevant? Die Initiative erweitert die Diskussion um die Rolle der Unternehmen. Für Träger und Gemeinden stellt sich die Frage, wie zusätzliche Mittel verteilt werden und ob sie einen verlässlichen Angebotsausbau ermöglichen.
Quelle: Kanton Jura, Mitteilung vom 22. Mai 2026
4. Genf: Nach dem Ausbau rückt die Personalgewinnung in den Fokus
Genf hat sein Vorschulbetreuungsangebot stark ausgebaut. 2025 standen in 134 Einrichtungen mit erweitertem Betreuungsangebot 8’413 Plätze zur Verfügung. Mehr als 9’500 Kinder nutzten diese Angebote.
Am 7. Oktober kündigte der Staatsrat eine Informationskampagne an, die mehr Menschen für den Beruf der Kindererzieherin beziehungsweise des Kindererziehers gewinnen soll. Ausbildungswege, Quereinstiege und verschiedene Einsatzfelder sollen sichtbarer werden.
Warum ist das relevant? Zusätzliche Plätze lassen sich nur mit ausreichend qualifiziertem Personal nutzen. Nachwuchsgewinnung und langfristige Personalentwicklung gewinnen für Träger an Bedeutung. Über die Kita-Jobs bei Awina können sich Interessierte über offene Stellen in der Kinderbetreuung informieren.
Quelle: Genfer Statistikamt
Quelle: Kanton Genf, Staatsratsmitteilung 7. Oktober
5. Waadt: Neue Qualitätsanforderungen ab Januar 2027
Ab 1. Januar 2027 gelten im Kanton Waadt überarbeitete Qualitätsrahmen für die institutionelle Vorschulbetreuung und schulergänzende Betreuung.
Die Dokumente enthalten aktualisierte Kompetenzanforderungen und sollen unter anderem die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse erleichtern. Pädagogische Leitungen erhalten mehr Eigenverantwortung bei der Umsetzung.
Warum ist das relevant? Betreuungseinrichtungen sollten Personalqualifikationen, pädagogische Organisation und bestehende Prozesse mit den neuen Anforderungen abgleichen.
Quelle: Kanton Waadt, revidierte Qualitätsanforderungen
Deutschland
6. Kita-Qualitätsgesetz: Neue Stellungnahmen zur Finanzierung
Die Diskussion um die langfristige Finanzierung des geplanten Kita-Qualitätsgesetzes geht weiter. Am 29. Oktober veröffentlichte der Deutsche Bundestag die Stellungnahme des Bundesrats und die Gegenäusserung der Bundesregierung zum geplanten Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz.
Der Bundesrat unterstützt bessere frühkindliche Bildung und Sprachförderung, kritisiert aber zusätzliche dauerhafte Aufgaben bei zeitlich begrenzter und sinkender Bundesfinanzierung. Die Bundesregierung lehnt eine dauerhafte dynamisierte Finanzierung ab und verweist auf die Zuständigkeit der Länder und Kommunen.
Der Gesetzentwurf befindet sich weiterhin im parlamentarischen Verfahren und ist noch nicht verabschiedet.
Warum ist das relevant? Für Kita-Träger bleibt offen, wie neue Qualitätsanforderungen langfristig finanziell und personell umgesetzt werden. Die konkrete Ausgestaltung und die Umsetzung in den Bundesländern sind entscheidend.
Quelle: Deutscher Bundestag, 29. Oktober
Österreich
7. Österreich überarbeitet Bildungsrahmenplan für Elementarpädagogik
Österreich überarbeitet derzeit den bundesweiten Bildungsrahmenplan für die elementare Bildung. Die Veröffentlichung der neuen Fassung war für Oktober 2026 vorgesehen. Auf der Website des Bildungsministeriums ist bislang jedoch noch keine neue Fassung abrufbar.
Vorgesehen sind stärkere Schwerpunkte bei Basiskompetenzen für den Schuleintritt, Kinderrechten, Demokratiebildung, Elternarbeit und Kinderschutz. Ob die endgültige Fassung bereits publiziert wurde, muss vor Veröffentlichung nochmals geprüft werden.
Warum ist das relevant? Für Einrichtungen können sich Anforderungen an pädagogische Konzepte, Teamqualifikation und Zusammenarbeit mit Eltern verändern. Die konkreten Bestimmungen hängen von der finalen Fassung ab.
Quelle: Österreichisches Bundesministerium für Bildung
DACH-Trend der Woche: Gemeinsame Finanzierungs- und Qualitätsaufgabe
In der Westschweiz finanzieren Arbeitgeber, Kantone, Gemeinden und Eltern Kinderbetreuung in unterschiedlichen Anteilen. Waadt zeigt, dass solche Systeme unter Druck geraten, wenn Betriebskosten und Mittel unterschiedlich schnell wachsen. Deutschland ringt um die langfristige Finanzierung neuer Qualitätsstandards, während Österreich die pädagogischen Grundlagen weiterentwickelt.
Der gemeinsame Trend: Der Ausbau allein genügt nicht. Langfristig tragfähige Finanzierung, qualifiziertes Personal und verlässliche Qualitätsstandards werden für Träger immer wichtiger.
Mit Awina für Kitas können Betreuungseinrichtungen in der Schweiz ihre Angebote sichtbar machen und Familien bei der Suche nach einem passenden Kita-Platz erreichen.
Zahlen der Woche
Der Awina DACH Kinderbetreuungsmonitor informiert wöchentlich über Kinderbetreuung, Early Education und Familienpolitik in der Schweiz, Deutschland und Österreich – kompakt, faktenbasiert und mit Einordnung für die Branche.
Eltern, die einen passenden Betreuungsplatz suchen, können über die Kita-Suche bei Awina geeignete Betreuungsangebote entdecken.
Weitere Entwicklungen aus der Kinderbetreuung: Alle bisherigen Ausgaben und aktuellen Nachrichten aus der Schweiz, Deutschland und Österreich findest du in unserem DACH-Kinderbetreuungsmonitor.
